Landesmuseum Hinter Ägidien: Ein Ort für uns
War es reiner Zufall oder Bestimmung? Freitagabend, ich scrolle so durchs Netz und überlege, was ich am Wochenende Schönes unternehmen könnte. Da fällt mir ein, habe ich da nicht etwas von einer Ausstellung gelesen? Im Landesmuseum Hinter Ägidien? Ich rufe die Internetseite der Einrichtung auf und Bingo! Am Eröffnungswochenende Ende März bietet das Museum neben dem freien Eintritt auch kostenlose Führungen durch die aktuellen Sonderausstellungen an. Wie toll ist das denn bitte? Logisch, der Termin landet sofort auf meiner Agenda.
E.M.Lilien: Träumen von Israel
Der Samstag zeigt sich zunächst von der grauen Seite. Genau das richtige Wetter, um ins Museum zu gehen. Kurz vor 14 Uhr stehe ich auf der Matte und bin gespannt auf die Kurzführung zu E.M.Liliens Träumen von Israel. Der Jugenstil-Künstler, der aus der heutigen Ukraine stammt, hatte eine Vision. In seiner Vorstellung manifestierte sich ein Bild von einem zionistischen Ideal, das er in zahlreichen Zeichnungen und Radierungen festhielt. Dazu reiste er mehrfach in die damalige Provinz Palästina. Dort fotografierte er sowohl Menschen als auch Landschaften, aus denen er anschließend seine Werke entstehen ließ.
Lilien als Vertreter des kulturellen Zionismus
Es mutet zumindestens merkwürdig an, dass Lilien ausgerechnet mit dem von den Nazis geschätzten Börries von Münchhausen das Buch „Juda“ auf den Markt bringt. Tatsächlich gilt der Band als das erste jüdische Buch überhaupt. Lilien gilt zudem als Vertreter des „kulturellen Zionismus„. In seinen Portraits entwickelte er idealisierte jüdische Herrscherfiguren, sowohl weibliche als auch männliche.
Liliens Frau, Helene Emma ihr Name, geborene Magnus aus Braunschweig, ziert das Cover des Flyers zur Ausstellung. Den wohlhabenden Eltern von Helene sollen vom gewählten Schwiergersohn zunächst wenig begeistert gewesen sein. Der gute Ephraim war den Magnus‘ schlichtweg zu arm. Helene aber setzt sich gegen ihre Eltern durch. Das gemeinsame Glück währt über zwanzig Jahre, bis der Künstler bereits 1925 verstirbt während seine Familie in der Nazizeit das Schicksal vieler Juden ereilte: Sie verließen Deutschland und emigrierten nach Amerika (Helene) bzw. nach Israel (Otto, der gemeinsame Sohn). Fun fact am Rande: Ephraims Sohn Otto gilt als „Begründer der Bild-Zeitung“ indem er den Farbdruck ermöglichte.
Felicitas Heimann Jelinek bezeichnete Lilien als den Künstler, der „die Seele des Ghettojudens“ erfand. Er sei ein sehr guter Grafiker gewesen. Seine Werke wären sofort als jüdische Kunst zu erkennen, was nicht nur an den Palmen in seinen Darstellungen liege. Mit „wenigen Zeichenstrichen“ hätte er den Ostjuden kreiert, der auf seine Erlösung warte. Egal, ob dem so sei. Die Ausstellung E.M.Lilien: Träumen von Israel ist auf jeden Fall sehenswert, besonders für all diejenigen, die genau wie ich, der Region des Nahen Ostens besonders zugetan sind.
Iris Hassid: A place of our own
Eine gute Stunde später geht es mit dem nächsten Highlight weiter. Ich gönne mir eine zweite Kurzführung und tauche in Iris Hassids wundervolle Fotoausstellung „A Place of Our Own“ ein. Es dauert keine Minute und ich bin von den vier Palästinenserinnen und ihrer Geschichte gebannt. Abgesehen davon, dass ich alle vier Damen sehr beeindruckend finde und die Arbeiten von Hassid eindrucksvoll sind, fühle ich mich sofort an meine Zeit in der Region erinnert.
Hassids Darstellung von Identitätsbildung
Die Künstlerin lebt in Tel Aviv, genauer gesagt im Stadtteil Ramat Aviv. In dem Viertel hat sie festgestellt, dass immer mehr Arabisch gesprochen wird. Dann sieht sie eines Tages die vier Frauen in dem Auto sitzen, das auch Coverbild des Ausstellungsflyers ist. Sie spricht sie an. Die ersten Reaktionen sind sehr verhalten. Langsam jedoch entwickelt sich eine Beziehung zwischen Majdoleen, Samar, Aya und Saja – so die Namen der vier Frauen – und Iris. Die Fotos, die sie von den Vieren über einen Zeitraum von sechs Jahren macht, sind zwar gestellt, stellen aber trotzdem typische Situationen eines Lebens von jungen Frauen in Tel Aviv dar.
Italien, Haifa, Tel Aviv
Inmitten der palästinensisch-israelischen Freundschaft schiebt sich langsam aber sicher der Konflikt zwischen der israelischen Regierung und der Hamas. Die politische Situation hat natürlich auch Auswirkungen auf das Leben der porträtierten: Majdoleen heiratet und entschließt sich mit ihrem Mann nach Mailand zu ziehen. Saja, die während der ganzen Zeit ein Kopftuch getragen hat, legt dieses ab, um ungnädigen Blicken und Bemerkungen zu entgehen. Sie lebt mit ihrem Mann weiterhin in Tel Aviv. Samar, die Schauspielerin, verlässt Tel Aviv und geht nach Haifa, wo sie als Palästinenserin „weniger auffällt“.
Für mich eine beeindruckende Fotoausstellung, die mit gängigen Clichees aufräumt und deutlich macht, was ein Leben für Palästinenserinnen mit israelischem Pass in Tel Aviv bedeutet. Prädikat: besonders wertvoll!